Das Leben ist schön

Schottland 2014 – The Glen Affric & Speyside

Das Wetter war einfach zu schön. Das muss als Entschuldigung dafür reichen, dass ich – völlig untrainiert – dem Drängen meines Mannes nachgab und die Wanderung im Glen Affric schon gestern wagte. Meine Füße, noch wund und müde vom Weg um Loch Meiklie rum, schrien „NEIN“, aber das ließ meine bessere Hälfte nicht gelten und so brachen wir gestern morgen bei schönstem Sonnenschein auf in eine der wunderschönsten Gegenden der Highlands, Glen Affric.

Schon der Weg dorthin ist eine einzige Pracht, eine wunderschöne kleine enge Straße eingesäumt von hunderten Birken, die im Moment gerade ganz frische Blätter bekommen hatten, hier ist ja immer noch Frühling. Durch die Blätter fiel der Sonnenschein und tauchte die Welt in bunte Farben.

Am Parkplatz angekommen, staunten wir erst mal nicht schlecht, dass wir nun fürs Parken bezahlen sollten, das war vor zwei Jahren noch nicht der Fall und erwischte uns ziemlich kalt, wir hatten nur einen Zwanziger einstecken, der natürlich nicht in den Parkscheinautomaten passte. Umkehren und Geld holen? Wir riskierten ein Ticket, machten uns bereit und liefen los. Vom letzten Mal wusste ich noch, dass der Weg ungefähr 18km lang ist. Ich ließ mein GPS-Gerät mittracken. Besser ausgerüstet hatten wir dieses Mal auch an Wasser für unterwegs gedacht.

Wir beschlossen, rechts vom See zu beginnen und immer auf dem Pfad zu bleiben, so dass wir nicht verloren gehen konnten. Am Anfang läuft man erst mal ein Stück, ca. 2km lang, am Loch Beinn a‘ Mheadhoin entlang. An dieser Stelle nahmen wir noch rasch einen Cache mit, den Markus suchen musste, weil ich mir den Weg auf den Kite Rock sparen wollte.

Ich hatte nicht mehr so ganz in Erinnerung, wie der Weg an sich aussah. Was ich sehr schnell bemerkte und was sich dann auch wirklich den kompletten Weg durchzog war die Tatsache, dass es keine ebene Stelle gab. Es ging entweder bergauf oder bergab und das immer schön abwechselnd, aber nie gerade. Leider war es in diesem Jahr sehr feucht, so dass wir an hunderte Stellen vorbeikamen, an denen wir entweder durch Wasser oder durch Schlamm oder über Randböschungen klettern mussten. Das war etwas, was den Weg deutlich erschwerte. Nach ca. 6km hatte ich dann auch keine Lust mehr. Wenn es grad nicht schlammig war, war der Weg unglaublich steinig, so dass man immer ganz genau aufpassen musste, nicht umzuknicken.

Der Weg führt mit großem Abstand um den See herum, so dass man ihn an manchen Stellen überhaupt nicht mehr sieht. Aber alles in allem ist die Landschaft einfach wunderschön. Loch Affric ist ein langgestreckter See, der von hohen und teilweise noch immer schneebedeckten Bergen eingerahmt wird. Kleine Bächlein gibt es zu hunderten, die das Schmelzwasser abtransportieren und in den See fließen, die musste man dann auch immer überqueren, teilweise über große Steine hinweg oder eben einfach mitten durch.

Obwohl Glen Affric zu einer beliebten Wanderstrecke gehört, sahen wir an diesem Tag kaum Menschen. Vielleicht 10 insgesamt während des ganzen Tages. Größere Tiere findet man dort so gut wie gar nicht. Ein paar Vögel, ein paar Raupen, mehr war nicht zu sehen. Die teils windschiefen Bäume sind Zeugnis davon, dass das Tal auch rauhen Wettern ausgesetzt ist.

An einem kleinen Wasserfall machten wir Halt und verschnauften ein wenig. Hier bemerkte ich auch, dass irgendwann mein GPS ausgegangen war, so dass ich über die bisher gelaufene Strecke keine zuverlässigen Angaben mehr hatte. Obwohl Markus‘ Knie schon die ganze Zeit schmerzten – Bergablaufen ist wirklich sehr anstrengend für die Knie – wollte er nicht umkehren. Wie ich schon schrieb, geht der Weg um den See sehr weiträumig drumherum, am hinteren Ende so sehr, dass dazwischen noch Platz für einen weiteren kleinen See war. Hier wurde der Weg auch wieder steiniger und ich freute mich schon auf unsere große Pause direkt am See, wo man von der linken Seite aus hinuntersteigen kann. Als wir dort, nach ca. 10km (plus dem, was das GPS ausgelassen hatte) ankamen, waren wir aber schon so kaputt, dass wir den Weg über das feuchte Heidekraut und Moos nicht mehr machen wollten. Beim Abstieg muss man unheimlich aufpassen, sich nicht zu verletzen, weil durch das Moos und das Heidekraut gern auch mal Löcher überdeckt werden, die man dann nicht sieht und die dann ziemlich gefährlich werden können – wir liefen einfach weiter und spulten unsere Kilometer ab.

Richtig anstrengend wurde es dann ab dem 13. Gürtelabwärts gab es eigentlich keine Stelle mehr, die uns beiden nicht wehtat. Meine Füße waren durch die enggeschnallten Schuhe so empfindlich geworden, dass jeder Schritt schmerzte – und in den Pausen war es noch schlimmer, also liefen wir immer weiter. Hatten wir am Anfang noch eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 4,4km/h gehalten, war diese inzwischen auf 4,2km/h gesunken und es kam uns so vor, als ob wir uns nur noch so dahinschleppten. Seit ca. dem 14. Kilometer schien mein Kreislauf auch in die Knie zu gehen, denn Markus äußerte sehr besorgt, dass ich ganz bleich wäre und mir war auch ganz flau im Magen, ich musste wirklich stark kämpfen, um mich nicht zu übergeben.

Die Kilometeranzeige auf dem GPS schien nahezu stillzustehen. Wir wussten, dass wir am Ende noch über eine Brücke gehen mussten, die kurz vor dem Parkplatz war. Aber sie kam und kam nicht. Durch die vielen Bäume hindurch konnten wir sie auch nicht sehen, sondern erst in dem Moment, an dem wir wirklich dort ankamen. Der Weg kam uns wie eine Ewigkeit vor. Ich kann mich erinnern, dass ich auch bei der letzten Wanderung um Loch Affric auf den letzten Kilometern zu kämpfen hatte – und zu der Zeit waren wir deutlich trainierter. Aber wir haben natürlich durchgehalten und uns bis ans Ziel gekämpft.

Die reine Laufzeit – abzüglich der Zeit, in der das GPS aus war, betrug 3:56:45h. In dieser Zeit sind wir 16,9km gelaufen (also ca. 1km ist uns verlorengegangen) und am Ende hatten wir dann doch wieder 4,3km/h Durchschnittsgeschwindigkeit. Dabei waren dann aber auch noch Pausen von insgesamt 1:09:38h, da sind dann aber auch die Momente bei, wo wir die Kamera ausgepackt und fotografiert haben. Und ein paar schöne Fotos haben wir dann doch auch gemacht, die ich jetzt einfach mal unkommentiert der Reihe nach zeige.

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Unser Auto war nicht abgeschleppt, als wir zum Parkplatz geschlichen kamen, was für ein Glück. Nicht mal einen Strafzettel hatten wir dran. Uns tat alles weh und wir wollten nur noch heim. Aber ein bisschen was zu essen mussten wir noch holen. Als wir in Drumnadrochit vor dem Supermarkt standen, hätten wir beinahe gewürfelt, wer aufstehen und einkaufen muss, aber wir haben uns dann doch beide reingeschleppt, rasch ein paar Sandwiches, Noodle Pots und Cola gekauft, um den Kreislauf wieder hochzubringen. Als wir auf Creag Mhor wieder ankamen, war André zum Glück gerade draußen und machte uns gleich das Tor auf, naja, zum Haus laufen mussten wir dann aber doch allein.

Eine lange heiße Dusche und eine kleine Massage mit einem muskelbelebenden Massagebar von Lush vertrieben zumindest meine schlimmsten Beschwerden. Leider half das nicht gegen Markus‘ schmerzendes Knie. Weil auch meins ein bisschen lädiert war – das Aufstehen heute morgen war gar nicht so einfach – beschlossen wir, heute einen faulen Tag einzulegen, ein bisschen mit dem Auto rumzufahren, und so kam es, dass wir uns nach einem ausführlichen Frühstück und dann ca. 2 Stunden Autofahrt in der Destillerie Glendronach wiederfanden.

Vor dem Aufbruch aber konnten wir direkt neben dem Garten von André noch eine große Herde Rehe beobachten. Das Wetter schien uns auch wieder gnädig gestimmt zu sein. Die Sonne schien und das Loch Meiklie, das wir bestimmt schon hundert mal fotografiert haben, lag glatt wie ein Spiegel vor uns.

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Der Weg ins Speyside, das ist eine Gegend bei Schottlands Ostküste, führte uns über Inverness an geschichtsträchtigen Orten wie Culloden vorbei, dann ging es über Nairns und Keith etwas südlicher nach Forgue bei Huntly. Wir mussten uns ein bisschen beeilen, weil die Führung durch die Destillerie ab 11 Uhr geplant war, kurz nach 11 kamen wir endlich an.

Da wir gerade die einzigen Gäste waren, bekamen wir auch wieder die Privattour. Während der Tour erfuhren wir wieder ganz genau, wie Whisky hergestellt wird, wir durften auch alles fotografieren und bei der Arbeit zuschauen. Glendronach ist eine der wenigen Destillerien, die noch sehr auf ihre Traditionen bedacht und weiterhin unabhängig sind. Die sogenannten Washbacks sind hier immer noch aus Lärchenholz, während viele Destillerien, die großen Konzernen gehören, hier nur noch Edelstahlbehälter verwenden. Die Brennblasen haben immer noch genau die gleiche Form wie im 19. Jahrhundert, als die Destillerie sich ihre Lizenz kaufte. Wir durften überall reingucken und schnuppern und bekamen viele Erklärungen. Ganz am Ende durften wir uns natürlich noch durch eine Reihe von Whiskys probieren, unter anderem dem, den man sich selbst abfüllen konnte, ein toller Whisky von 1993, also 21 Jahre alt. Natürlich haben wir davon ein Fläschchen mitgenommen und uns noch einen anderen aus dem Regal ausgesucht, eine Master Edition von 1989.

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Unser Tourguide fragte uns noch, was wir für den Tag noch vorhatten und empfahl uns dann, wenn wir eine Keksfabrik besuchen wollten, doch auch mal zu Dean’s in Huntly zu fahren, ganz um die Ecke. Das taten wir dann auch. Leider gibt es durch die Shortbread-Fabriken keine solche Führungen wie bei den Destillerien, aber eine kleine Besuchergalerie gab es, wo wir von oben in die Hallen reinschauen konnten. Bei Dean’s kauften wir natürlich auch kräftig ein.

Auch einen zweiten Tipp unseres Tourguides befolgten wir und besuchten auf dem Weg durch das Speyside die einzige Coopery, die ein Besucherzentrum hat. Eine Coopery ist eine Böttcherei, hier werden noch von Hand die Eichenfässer hergestellt, in denen – nach einer ersten Lagerung von Bourbon oder Sherry – der Whisky der schottischen Destillerien reift. Nicht nur neue Fässer werden hier hergestellt sondern auch alte aufgearbeitet. Nach einem interessanten Film über die Böttcherei hatten wir auch die Gelegenheit, über eine Besuchergalerie direkt bei der Arbeit zuzuschauen. 14 Böttcher beschäftigt die Speyside Coopery im Moment, außerdem 4 Lehrlinge und noch weitere Arbeiter. Wir konnten dann sogar ein kleines Probefass zusammenbauen, anhand dessen wir feststellen mussten, dass die Arbeit viel leichter aussieht als sie ist. Dass die Arbeit körperlich sehr hart ist, konnten wir sehen. Ca. 20 Fässer schafft ein erfahrener Böttcher pro Tag, ein Arbeiter, der uns durch seine schnelle Arbeitsweise aufgefallen ist, schafft bis zu 25. Wir konnten das nur bewundern und ärgerten uns hinterher, dass wir keine Fotos gemacht hatten.

Da wir eh schon in der Gegend waren, fuhren wir noch nach Aberlour. Dort ist unter anderem die Destillerie Aberlour, bei der wir in unserem allerersten Jahr in Schottland eine der besten Führungen erlebt haben, die uns zum Whisky-Genießen brachte. Hier bestellten wir uns für die nächste Woche eine Führung, denn die sind immer schnell ausgebucht. Da in Aberlour auch eine der größten Shortbread-Fabriken ist – Walker – gingen wir auch dort in den Shop und kamen mit zwei weiteren großen Tüten voll wieder raus. Ich denke, das reicht erst mal eine Weile. Viele Sorten haben wir hier gekauft, eine davon probiere ich gerade während des Schreibens. Shortbread mit Pecannüssen und Caramelstückchen ist absolut empfehlenswert.

Und damit möchte ich auch den heutigen Bericht beenden. Ich bin jedenfalls schon sehr gespannt, was wir in den nächsten Tagen noch erleben werden.

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3 Kommentare

  1. Meli2006

    Wunderschöne Fotos!
    Und dass die Füße gebrüllt haben dass glaub ich Euch aufs Wort!!!!

  2. Armin

    Tolle Bilder. Viele Grüße aus der Eifel und passt auf eure Gelenke auf !! Lasst es euch gut gehen….:D

  3. Micha

    Ne ne, was schön.

    Auch wie den letzten Bericht verfolge ich diesen wieder schmachtend aus der Heimat.

    Irgendwann werd ich da auch mal hin 😉

    Ah, heute hat ja der Markus Geburtstag, herzlichen Glückwunsch aus der Ferne.

    Ich warte auf weitere tolle Berichte!

    LG

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